Definitionen von Europäisierung

(Anm. d. Aut.: Bei diesem Artikel handelt es sich aus einem Auszug aus einer im Wintersemester 2017/18 verfassten und mit 1,3 bewerteten Seminararbeit. Der Text ist seitdem nicht verändert worden und entspricht dem damaligen Stand.)

Einen ersten Ansatz, den Begriff „Europäisierung“ zu definieren, leistete 1994 der britische Politikwissenschaftler Robert Ladrech:

„Europeanization is an incremental process of reorientating the direction and shape of politics to the degree that EC political and economic dynamics become part of the organizational logic of national politics and policy-making.“[1]

Unter Europäisierung sei demnach der Anpassungsprozess von Organisationen an eine veränderte Umwelt zu verstehen – mit der Folge, dass die Europäische Gemeinschaft ein Teil nationaler Politik und nationaler Entscheidungsprozesse werde. Ladrech erachtet die Europäische Integration als notwendige Voraussetzung für Europäisierungsprozesse: Es werden die Funktionen und Wirkungen einzelner Akteure auf EU-Ebene und die Zusammenhänge mit anderen im jeweiligen Kontext wichtigen Akteuren untersucht, wobei bei den EU-Mitgliedern jeweils unterschiedliche Auswirkungen beobachtet werden könnten. Dies gelte auch für Staaten wie Norwegen, die sich über verschiedene Abkommen an die EU gebunden haben.[2]

Claudio Radaelli betrachtet die Europäische Integration in seinem Theorieansatz nicht weiter, sondern konzentriert sich auf die Entstehung europäischer Politik und deren Aus- bzw. Rückwirkung auf einzelne Elemente wie etwa Regeln, politische Strukturen oder Identitäten der EU-Mitgliedsstaaten.[3] Radaellis Definition stellt das Objekt, auf das Einfluss ausgeübt werden kann, und die Auswirkungen dieses Europäisierungsprozesses in den Vordergrund:

Europäisierung bestehe aus „[p]rocesses of a) construction, b) diffusion and c) institutionalization of formal and informal rules, procedures, policy paradigms, styles, ‚ways of doing things‘, and shared beliefs and norms which are first defined and consolidated in the making of EU public policy and politics and then incorporated in the logic of domestic discourse, identities, political structures, and public policies.“[4]

Radaelli untersucht gemeinsame Politikvorstellungen, Verhaltensweisen, Überzeugungen, etc., die ursprünglich auf EU-Ebene definiert wurden und deren Auswirkungen auf nationaler Ebene. Dabei beschränkt sich Radaelli nicht auf Formen der Gesetzgebung, sondern untersucht die Policy-Ebene, die inhaltliche Dimension europäischer Politik. Der erste Schritt, die Entstehung europäischer Politik, werde bereits mit der Forschung zur Europäischen Integration weitreichend abgedeckt, weshalb Radaelli eine präzise Trennung zwischen „Europäisierung“ und „Integration“ fordert.[5] Dass europäische Politik auf die EU-Mitglieder rückwirken kann, setzt voraus, dass diese die Impulse, die auf Ebene der EU gesetzt werden, mindestens indirekt beeinflussen können. Dieses Richtungsmodell wird als „bottom-up“ beschrieben.

[1] Ladrech, Robert: Europeanization of Domestic Politics and Institutions: The Case of France, in: Journal of Common Market Studies 32/1 (1994), Oxford 1994, S. 69.

[2] Eising, Rainer: Europäisierung und Integration. Konzepte in der EU-Forschung, S. 394 f.

[3] Auel, Katrin: Europäisierung nationaler Politik, S. 298.

[4] Radaelli, Claudio M.: The Europeanization of Public Policy, in: Featherstone, Kevin/Radaelli, Claudio M. (Hrsg.): The Politics of Europeanization, Oxford u. a. 2003, S. 30.

[5] Ebda., S. 29 f.