Zur Geschichtswissenschaft in der DDR: Über das Bild Otto von Bismarcks

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, kurz Fürst Otto von Bismarck. Politiker, Staatsmann, Begründer des deutschen Sozialstaats, als Reichskanzler Mythos gewordener Teil der deutschen Geschichte und der deutschen Geschichtsschreibung. Zumindest auf Seiten der Bundesrepublik ist Bismarck als „eiserner Kanzler“ stets irgendwo zwischen „Heroisierung und Dämonisierung“ präsent gewesen. Doch wie stellte sich Bismarcks Bild in der DDR dar? Gab es überhaupt so etwas wie eine marxistisch-leninistische Bismarckforschung?

Aufschluss darüber liefert ein Blick in die zweibändige Bismarck-Biografie des DDR-Historikers Ernst Engelberg, die 1985 und 1990 als deutsch-deutsche Zusammenarbeit veröffentlicht wurde. „Liebevoll“ ii sei Engelberg mit Bismarck umgegangen, obwohl gerade Bismarck etwa dank des Sozialistengesetzes von 1878 und des damit einhergehenden Verbots sozialistischer, sozialdemokratischer und kommunistischer Vereine doch als persona non grata in der DDR gelten dürfte. Engelberg selbst schrieb im Vorwort des zweiten Bandes, dass „allzu rasch und subjektiv“ geurteilt werde, dass er aber hoffe, den „Diskussionen der Gegenwart durch Sachkunde nützen zu können“.

Allein schon ob des Sozialistengesetzes und der Sozialgesetzgebung kam auch die DDR-Geschichtswissenschaft nicht an der Person und Persönlichkeit Otto von Bismarck vorbei. Engelberg urteilt etwa zu der sich anbahnenden Alters- und Invaliditätsversicherung: Bismarcks Ziel sei es durchaus gewesen, eine Versöhnung mit den gewöhnlichen Arbeitern zu suchen. Den Protest gegen die Sozialgesetze habe Bismarck gar nicht als solchen wahrgenommen – sondern allein als Aufregung der Arbeiterführer.v Stattdessen scheint es, als ob Engelberg vor allem realpolitische Ansätze Bismarcks hervorhebe: Die Reichsgründung 1871 habe durchaus bürgerlichen Forderungen entsprochen, der Arbeiterbewegung habe dies einen Ansatz für eine zentrale Organisation ermöglicht – und damit eine grundlegende Bedingung für eine Revolution aus der Arbeiterbewegung heraus geschaffen?

Immerhin war diese Bewertung wohl einer der Gründe für die Aufwertung Bismarcks in der DDR-Geschichtswissenschaft zu Beginn der 1980er Jahre. Bismarck durfte offiziell als „Staatsmann“ bezeichnet werden, die Memoiren sollten auch in der DDR erscheinen. Wenn auch „im Einklang mit historischen Notwendigkeiten“. Solange dies geschah und Distanz zu den Ereignissen gehalten wurde, durften nun auch bedeutende historische Figuren außerhalb der Arbeiterklasse wissenschaftlich betrachtet werden, so wie eben Bismarck in Ernst Engelbergs Biographie. Zwar dürfte dies keinen Wendepunkt der DDR-Geschichtsschreibung oder eine eigene Bismarckforschung ausgelöst haben, wohl aber wurde auch in der BRD die Unvoreingenommenheit und die klare, von der SED losgelöste Sprache Engelbergs gelobt.

Und heute? Otto von Bismarck fasziniert Historiker wie Publikum offensichtlich noch immer. Die in Friedrichsruh angesiedelte Bismarck-Stiftung und spezielle Anlässe wie der 200. Geburtstags Bismarcks 2015 sorgen für mediale Präsenz. Auch Bismarcks Rolle in der Historiographie ist ein Thema, wie in Ulrich Lappenküpers „Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung“ (2017).