Zur Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus

Worin liegen die Erkenntnisse verborgen, die man aus heutiger Sicht aus der Lektüre eines nationalsozialistisch geprägten, geschichtswissenschaftlichen Textes noch gewinnen kann? Dass ein Historiker wie Otto Westphal, Mitglied der NSDAP und bekennender Anhänger Adolf Hitlers, nicht zur kritischen Distanz gegenüber dessen Weltauffassung und Politik neigt, vermag wohl niemanden zu überraschen. Das deutsche Volk, glaubt man Westphal, habe ja nur auf jemanden wie Hitler gewartet, zur Machtübernahme und zum Anführer des Deutschen Reiches berufen, nach „katastrophalen“ Jahren der versuchten Demokratie.

Geschichte, sagt Westphal, kenne keine Zufälle. Deutsche Geschichte setze nun, in Folge des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des Kaiserreiches, bei Hitlers „germanischem Reich“ als notwendigem Mittel gegen das Chaos in der übrigen Welt der alten Mächte, an. Hitler selbst stehe in der Tradition großer deutscher Staatsmänner á la Otto von Bismarck und Friedrich dem Großen. Ausgangspunkt für die deutsche Geschichtsschreibung: Leopold von Ranke. Ausgerechnet Leopold von Ranke, der mit seiner Idee des Historismus auf möglichst objektive und durch zeitgenössische Belege fundierte wissenschaftliche Arbeit gesetzt hatte?

Nur konsequent, denn der Historismus ist durchaus auch als Machtgeschichte und die Geschichte großer Staatsmänner zu betrachten, vor allem aber habe Ranke die Existenz einer „deutschen“ Geschichte ausgeschlossen. Das, was wirklich war – und ist –, sei so aber nicht zu beschreiben, der Nationalsozialismus biete nun die entsprechenden Möglichkeiten für die Wissenschaft. Die Marschroute ist deutlich: Hitlers NS-Staat bringt neben dem deutschen Volk auch die deutsche Geschichtswissenschaft „nach vorne“, und dabei steht das Reich gerade erst am Anfang, wie Otto Westphal im Titel seines Buches verlauten lässt: „Das Reich. Aufgang und Vollendung“.

Was bleibt also als Erkenntnis? Historiker besitzen ein gewisses Machtpotential gegenüber Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch eine faktenbasierte, historisch verankerte Ausübung von Kritik, Historiker besitzen aber auch Verantwortung gegenüber der Geschichte selbst, für Erinnerungs- und Lernprozesse anhand kritischer Betrachtung und Einordnung zu sorgen. Nicht nur Otto Westphal lässt genau das aber schmerzlich vermissen, biedert sich stattdessen auf ganzer Linie dem nationalsozialistischen System an. Neue, gar wegweisende Schlüsse auf den Stand der deutschen Geschichtswissenschaft unter dem Hakenkreuz sind bei einer Lektüre Westphals im Hier und Jetzt ebenso wenig zu finden.

Die Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Historie ist selbst längst ein Fall für die Geschichtswissenschaft geworden. Der Deutsche Historikertag widmete dem Thema „Historiker im Nationalsozialismus“ beispielsweise 1998 eine ganze Sektion, Ingo Haar legte 2000 eine vielbeachtete und kontrovers diskutierte Dissertation vor. Während die Geschichte der Geschichtsschreibung noch immer ein aktuelles Thema ist, scheint die Aufarbeitung der NS-Historiographiegeschichte weitgehend abgeschlossen: Betrachtet man etwa den Katalog der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek, kommt dieses Feld aktuell vor allem – wenn überhaupt – noch in biografischen Arbeiten vor.