Von der „Geschichte großer Männer“ zu Wehlers Historischer Sozialwissenschaft

„Dem Historiker ist nicht gestattet, nach der Weise der Naturforscher das Spätere aus dem Früheren einfach abzuleiten. Männer machen die Geschichte. Die Gunst der Weltlage wird im Völkerleben wirksam erst durch den bewußten Menschenwillen, der sie zu benutzen weiß„[i]

Diese Worte hielt der deutsche Historiker und spätere Reichstagsabgeordnete Heinrich von Treitschke (1834-1896) 1879 in seinem Werk über „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert“ fest und leistete ein prägendes Moment für Geschichtsbilder: Starke, erfolgreiche Männer schreiben die Geschichte, deuten die Zeit und ihre Vergangenheit. Auf die Personen kommt es an – der Grundstein für zukünftigen Personenkult in der Geschichtswissenschaft.

Auch Leopold von Ranke, treibende Kraft des Historismus, hatte einige Jahre vorher festgehalten, dass Personen bzw. Persönlichkeiten in ihren grundlegenden Gestalten sichtbar zu machen, damit Geschichte wiedergegeben werden kann. Außer Acht gelassen wird hierbei aber die Tatsache, dass der Historiker so nur solche Fragen aufwirft und beantwortet, die er selbst aus seinem historischen oder sozialen Bewusstsein entwickelt.[ii]

Eine Sozialgeschichte, wie sie in Frankreich etwa durch die „Annales-Schule“ bereits seit der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert betrieben wurde, fand in Deutschland kaum statt. Für den entscheidenden Durchbruch sorgte erst die sogenannte „Bielefelder Schule“ der 1960er Jahre. Weg von der Geschichte „großer Männer“ und „bahnbrechender Ideen“ hin zu einer Geschichte, die sich den Strukturen der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit widmet: Politik, Kultur, soziale Strukturen und Wirtschaft gehören zu den Achsen der neuen Richtung.[iii] Ebenfalls neu, vielleicht sogar eine „bahnbrechende Idee“: die Sozialgeschichte soll nach Hans-Ulrich Wehler eine „kritische“ und „politische […] Wissenschaft“ sein.[iv]

Geschichte kann also mehr sein als nur die Geschichte des (vermeintlichen) Siegers. Durch die Erweiterung des Fokus auf die Gesellschaftsgeschichte in ihrer Gesamtheit entstanden dem Historiker in der Nachkriegszeit, spätestens aber ab den 1960er und 1970er Jahren gänzlich neue Forschungsfelder- und bereiche. Wissen schaffen erscheint um ein Vielfaches einfacher und wahrscheinlicher, als dies im Sinne der „Geschichte großer Männer“ der Fall wäre. So bedient sich die Historische Sozialwissenschaft, da es ihr an einem eigenen Theoriegebäude fehlt, an Theorien und Methoden aus anderen Wissenschaften: Dazu gehören etwa „Idealtypen“, anhand derer Hypothesen entstehen, über die historische Prozesse in empirischen Arbeiten erforscht werden.[v]

Die neuen Errungenschaften bieten jedoch reichlich Grund zur Kritik: die Historische Sozialwissenschaft wurde schnell als (zu) unpersönlich aufgefasst, als zu wenig Erfahrungen einbeziehend. Auf neue Strömungen wie Geschlechter- oder Alltagsgeschichte sei kaum angemessen reagiert worden. Wehler selbst schloss sich der Kritik später sogar an[vi]; oft fehle es jungen Historikern heute an der „Überzeugungskraft einer gelungenen narrativen Darstellung“.[vii]

 

Literaturangaben

[i] Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Band 1, Leipzig 1879, abgerufen unter: http://www.archive.org/stream/deutschegeschic10treigoog#page/n10/mode/2up (letzter Abruf: 03.06.2018), S. 28.

[ii] Vgl. Oexle, Otto Gerhard: Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus. Studien zu Problemgeschichten der Moderne, Göttingen 1996, S. 73 ff.

[iii] Nathaus, Klaus: Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte (24.09.2012), abgerufen unter: http://docupedia.de/zg/Sozialgeschichte_und_Historische_Sozialwissenschaft (letzter Abruf: 03.06.2018), S. 5.

[iv] Ebd.

[v] Ebd., S. 6.

[vi] Sträter, Winfried: Geschichte als Historische Sozialwissenschaft. Winfried Sträter im Gespräch mit Hans-Ulrich Wehler, in: Deutschlandradio Kultur (19.11.2009), abgerufen unter: http://www.deutschlandfunkkultur.de/manuskript-geschichte-als-historische-sozialwissenschaft-pdf.media.f1f3458bd37d5ee834325fd420c09079.pdf (letzter Abruf: 03.06.2018), S. 10.

[vii] Ebd., S. 13.