Tod und Vergänglichkeit als Motive in Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Il Gattopardo“

Was bleibt vom Leben? Was bleibt von einem selbst? Was wurde verpasst, was hätte man unbedingt einmal erreichen wollen? Die Allgegenwart der Sterblichkeit und der Vergänglichkeit macht bewusst, dass das Erreichte keine Selbstverständlichkeit ist. Auf diesem Wege des Umgangs mit der Vergänglichkeit befindet sich auch Giuseppe Tomasi di Lampedusas Werk „Il Gattopardo“, das die Geschichte seiner eigenen Familie zwischen 1860 und 1910 erzählt.

Das Leben ist vergänglich, alles das eingeschlossen, was der Mensch in seinem Leben macht. Es liegt in der Hand eines Menschen, Dinge zu schaffen, die über das Leben hinaus erhalten bleiben, oder die zumindest im eigenen Leben eine Konstante bilden. Doch es liegt auch in menschlicher Hand, dieses Bewusstsein zu verpassen oder erst zu spät zu erlangen. Jeden Tag bemerken wir dies schon dann, wenn wir dem Tod in vielfältiger Art und Weise begegnen. Sei es bei Freunden oder Verwandten, oder auf Distanz in den täglichen Nachrichten.

Was bleibt vom Leben? Was bleibt von einem selbst? Was wurde verpasst, was hätte man unbedingt einmal erreichen wollen? Die Allgegenwart der Sterblichkeit und der Vergänglichkeit macht dem Menschen immer wieder bewusst, dass ein Fortbestehen des Gewohnten keine Selbstverständlichkeit ist. Genauso wenig wie die Verwirklichung der eigenen Träume und Ziele.

Aus diesem Bewusst werden der Vergänglichkeit kann sich die Motivation entwickeln, das eigene Leben bewusster und für sich selbst lebenswerter zu gestalten. Mit den Worten des römischen Kaisers Marcus Aurelius ausgedrückt: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben.“ Man solle also gar nicht erst über die Vergänglichkeit nachdenken, sondern jeden einzelnen Augenblick zum Leben und zum Erfreuen am eigenen Sein nutzen und damit etwas Bleibendes schaffen.

Auf diesem Wege des Umgangs mit der Vergänglichkeit befindet sich auch Giuseppe Tomasi di Lampedusas Werk „Il Gattopardo“, erstmals 1958 erschienen. Tomasi di Lampedusa erzählt die Geschichte seiner eigenen Familie zwischen 1860 und 1910. Anfangs noch eine einflussreiche sizilianische Familie, verlaufen die folgenden Jahre der Familie Salina unter einer andauernden Suche nach Glück, einem bleibenden Sinn des Lebens und Versuchen, das Gewohnte zu bewahren – all dies in einer Zeit starker sozialer und politischer Umbrüche in Italien.

Mit zunehmendem Alter der Protagonisten rückt das Motiv der Vergänglichkeit immer mehr in den Fokus, bis Fürst Fabrizio schließlich sein Leben resümierend auf dem Sterbebett zitiert wird: „Ho settantatré anni, all’ingrosso ne avrò vissuto, veramente vissuto, un totale di due… tre al massimo“.

 

Das Motiv der Vergänglichkeit

Don Fabrizios Resümee seines eigenen Lebens schließt sich direkt an das aus dem Barock bekannten Motiv des „Memento mori“, zu Deutsch: „Bedenke, dass du stirbst“, an. Der Stunde seines Todes nahe, quält ihn der Gedanke, bald sterben zu müssen, ohne vorher wirklich gelebt haben und diesem Leben einen bleibenden Sinn geben zu können.

Im späteren Verlaufe zieht Tomasi di Lampedusa bei den Nachfahren des Fürsten eine weitere „Memento mori“-Referenz: Noch im Alter von rund 70 Jahren sei bei diesen ein Überbleibsel ihrer jugendlichen Schönheit zu finden gewesen, vor allem bei Angelica, der Ehefrau des Neffen des Fürsten. Jedoch habe sich diese schon bald ihrer Vergänglichkeit ob einer Krankheit bewusst werden müssen, die sie in eine „larva miseranda“, in einen kümmerlichen Schatten ihrer Selbst verwandelt.

Ihre Schönheit behielt sich Angelica für ihren Ehemann Tancredì vor, mit dem sie bereits als junge Frau die schönste Zeit ihres Lebens genoss. Doch die Liebe und Romantik ihrer Beziehung sollten nicht von Dauer sein, denn Angelica wird Witwe, noch bevor sie und Tancredì gemeinsam alt werden können.

Die im letzten Kapitel aufgegriffenen letzten Erinnerungen an die Jugend lassen sich im Kontext der „Vanitas“-Idee lesen. Sowohl Angelica als auch die drei Töchter des Fürsten – Concetta, Carolina und Caterina – werden sich weniger ihres nahenden Endes bewusst als der Nichtigkeit und der Vergänglichkeit ihres bisherigen Lebens. Alle drei Schwestern bleiben Zeit Lebens unverheiratet und tragen das Leid ihrer unerfüllten Sehnsüchte und Hoffnungen in sich. So hat Concetta die nicht erwiderte Liebe zu Tancredì niemals überwinden können, und im Hause der Familie finden sich noch im Jahre 1910 Überreste des Familienhundes Bendicò als Andenken an vergangene Zeiten.

So zieht sich das Thema der vergeblichen Suche nach Kontinuität, Glück und einem bleibenden Sinn des Lebens durch die gesamte Handlung des „Gattopardo“, stets verbunden durch die Geschichte des Tancredì und der Angelica. Diese verweist jedoch nicht allein auf das Leid der Familie Salina im Sinne der Beziehungen untereinander, sondern auch auf die politischen Spannungen, die zu den schmerzlichen Empfindungen des Fürsten Fabrizio beitragen. Jener Tancredì ist ein Teil der Bewegung Giuseppe Garibaldis, einem Protagonisten des „Risorgimento“.

Oftmals wird Tancredì mit folgenden Worten zitiert: „Se vogliamo che tutto rimanga com’è, bisogna che tutto cambi“, „[w]enn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“Er macht sich auf, nachhaltige Veränderungen am politischen und in der Konsequenz auch am gesellschaftlichen System Italiens zu erreichen. Damit einher geht der Verlust der Macht der Fürstenfamilie Salina, was dem politischen Einfluss und dem Ansehen der Familie ein Ende bereitet.

Letztlich wird dem Status eines Fürsten somit jegliche Bedeutung genommen – Don Fabrizio bleibt als letzter Fürst der Salina der letzte wahre Vertreter der Familie. Schon früh, im November 1860, muss sich Don Fabrizio dem drohenden Abstieg seiner Bedeutung gewahr werden: Er, als Fürst von Sizilien, bekommt nach der Vereinigung seines Herrschaftsgebiets mit dem Königreich Sardinien gerade noch den Posten eines Senators angeboten, dem neuen König unterständig. Don Salina lehnt jedoch ab, im Glauben, selbst die richtigen Entscheidungen für Sizilien treffen und dem Italien Garibaldis fern bleiben zu können:

„In questi sei ultimi mesi, da quando il vostro Garibaldi ha posto piede a Marsala, troppe cose sono state fatte senza consultarci perché adesso si possa chiedere a un membro della vecchia classe dirigente [.] […] [D]a duemila cinquecento anni siamo colonia.“

Mit dieser Haltung manifestiert Don Fabrizio letztlich den „Tod“ seiner Familie. Er beharrt auf dem Gewohnten, auf dem immer schon gewesenen, und verweigert sich den anstehenden gravierenden Veränderungen Italiens. Interessant ist zudem eine Betrachtung des Anfangs- und des Schlusssatzes des „Gattopardo“. Tomasi di Lampedusa beginnt den Roman mit folgenden Worten: „Nunc et in bora mortis nostrae. Amen.“

Hierbei handelt es sich um den Schlusssatz aus dem Ave-Maria, zu Deutsch: „Nun und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Der Fürst spricht diese Worte und fühlt sich an die Begriffe „amore, verginità, morte“ erinnert – Begriffe, die den „Gattopardo“ durchweg prägen.

Den Schluss bildet folgender Satz: „Poi tutto trovò pace in un mucchietto di polvere livida“. Alles findet seinen Frieden, zerfallen in einen Haufen fahlem Staub, womit Tomasi di Lampedusa die nun ehemalige Macht und das verlorene Ansehen seiner Familie, das Ende des alten Sizilien, die Sehnsüchte der Töchter und auch deren nicht mit Glück versehene Liebschaften anspricht. Zudem stellt dies im Verbund mit dem Anfangssatz gewissermaßen die „Klammer“ für die gesamte Handlung des „Gattopardo“ dar.

 

Schlussbetrachtung

Die Darstellung der menschlichen Vergänglichkeit in vielen Facetten bildet den großen Rahmen für Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Il Gattopardo“. Die (vergebliche) Suche nach Glück und dem Fortbestand des Alten und Gewohnten findet sich darin für jeden der Protagonisten dargestellt: Sei es nun der Fürst mit dem Versuch, sein Amt zu retten oder die unglücklich verlaufende Beziehung zwischen Tancredì und Angelica.

All diese kleinen Geschichten des Scheiterns und der vergeblichen Mühe zeigen im großen, verbundenen Rahmen, dass es manchmal notwendig ist, zu scheitern und Schmerz zu fühlen. Erst dadurch wird es möglich, sich der Vergänglichkeit bewusst zu werden und sich auf Basis der negativen Erfahrungen die positiven Seiten des eigenen Seins vor Augen zu führen, wie im Falle des Don Fabrizio zu sehen ist.

Das Leben dient nicht dazu, sich ständig quälende Gedanken über den nahenden Tod zu machen. Es dient dazu, sich Gedanken darüber zu machen, wie es möglichst lebenswert gestaltet werden kann und wie man das eigene Leben für sich selbst nachhaltig füllt. Dazu gehört auch, wie Tomasi di Lampedusa es aufführt, manches auszuprobieren – selbst wenn es im Nachhinein als gescheitert zu betrachten ist, wie Tancredìs „Risorgimento“-Engagement oder die Beziehung zu Angelica.

 

Literatur

Tomasi di Lampedusa, Giuseppe: Il Gattopardo, Mailand 1997.

Tomasi di Lampedusa, Giuseppe: Der Gattopardo, München 2011.