Seminarkritik, oder anders ausgedrückt: Warum erst jetzt?

Wenn diese Zeilen entstehen, hat die letzte Vorlesungswoche des Semesters gerade begonnen. Die letzte Woche meines dritten Mastersemesters und des insgesamt schon zehnten Fachsemesters. Zum ersten Mal seit den ersten Tagen an der Universität im Winter 2013/14 stand für mich mit diesem Masterseminar eine Veranstaltung auf dem Plan, die sich mit der Geschichte unseres Fachs beschäftigt. Die zeigt, welche teils großen und richtungsweisenden Konflikte es in der jüngeren Vergangenheit gab, wie sich das Fach Geschichte und die Geschichtsschreibung in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Die auch zeigt, welche Perspektiven Geschichte besitzt – und dass sie eine Perspektive besitzt, dass sie in der Lage ist, neben „Adolf & Co.“ auch neue Themenfelder zu erschließen.

Historische Sozialwissenschaft, „Cultural turn“, Geschlechtergeschichte, diese Begriffe sind mir natürlich im Laufe der Zeit schon einmal über den Weg gelaufen. Aber etwas näher damit auseinandergesetzt habe ich mich erst durch dieses Seminar. Die wöchentlichen Essays „zwingen“ quasi dazu, zum einen wegen der Prüfungsleistung, zum anderen, da man schließlich nicht unvorbereitet in die Sitzungen gehen möchte. Nun gibt es eher zurückhaltende Menschen und solche, die eine große Freude am Debattieren haben, doch zumindest eine gute Grundlage sollte sich jeder durch die Lektüre und die Essays erarbeitet haben. Spannend ist dabei, dass die Essays jedem zur Verfügung standen und ein wenig Aufschluss darüber lieferten, wer wie schreibt, denkt, argumentiert. In „gewöhnlichen“ Seminaren gibt es zumeist nur selten die Gelegenheit, die anderen Arbeiten zu lesen – zumal die Sitzungen selbst dann auch selten so lebendig sind, wie es dieses Seminar war. Mir gefallen solche offenen, diskutierfreudigen Seminare deutlich besser als solche, die ohne weiteres auch als „Schulunterricht“ firmieren könnten. Was auch an der in diesem Fall doch stimmigen Zusammensetzung des Seminars liegt.

Und doch bleibt zum Schluss ein gewisser Wermutstropfen. Zu selten gibt es in unserem Modulplan die Gelegenheit, sich fachlich über unser Studienfach zu informieren und auszutauschen. Das mag an den zahlreichen Wahloptionen liegen, die wir Semester für Semester haben und den daraus resultierenden persönlichen Präferenzen. Aber eben auch daran, dass ein Modul „Historiographiegeschichte“ laut Plan erst zur Mitte des Masterstudiums vorgesehen ist. Mir hat das Seminar tatsächlich einen kleinen „Wunsch“ erfüllt – die Auseinandersetzung mit der Historiographiegeschichte und den absoluten Grundlagen hat mir in meinem bisherigen Studium oft gefehlt. Allerdings fehlt es auch in anderen Fächern an der Auseinandersetzung mit der Entwicklung des eigenen Fachs, zumindest sind mir in meinen Bachelor-Nebenfächern keine solchen Tendenzen begegnet, was neben Hamburg auch für Hannover gilt. Ich bin mir sicher, eine regelmäßige Auseinandersetzung mit der Historiographiegeschichte täte allen, den Studenten und dem Fach selbst, gut – warum nicht also auf eine oder zwei der so vielen Übungen und Vorlesungen im Bachelor verzichten und stattdessen Raum für die Geschichte der Geschichtswissenschaft, für die zahlreichen Methoden, Theorien und Techniken unseres Fachs schaffen? Im Rückblick auf meine Erstsemesterzeit hätte mir das wohl recht viele Stunden am Rande des nervlichen Wahnsinns erspart – und vielleicht auch die ein oder andere missglückte Seminararbeit.