Globalgeschichte – Bis zum Tellerrand und noch viel weiter

Wer den Blick in die Programmabläufe von ZDFinfo, Welt, History Channel oder n-tv wagt, dürfte als nicht-studierter und oberflächlich Geschichtsinteressierter eines schnell feststellen: Populäre Geschichte, das muss irgendwas mit Hitler, Holocaust und Panzern sein – wenn’s geht, am besten noch in Kombination mit Aliens, UFOs und Drogen. Geschichte ist aber noch viel mehr, und Geschichte wagt auch gern einen Blick über den berühmten Tellerrand hinaus.

Perspektiven, die die verschiedenen Regionen, Kulturen oder Staatsgrenzen der Welt übergreifend betrachten und einbeziehen und sich dabei vom angewöhnten Eurozentrismus lösen, finden in der sogenannten Globalgeschichte ihr Zuhause. Europa ist eben nicht der „einzig aktive Gestalter der Weltgeschichte“[i]. Die Universität Hamburg beispielsweise verortet die Globalgeschichte irgendwo zwischen Lateinamerika, Afrika und Nahoststudien. Alle Regionen, die zum Fachbereich gehören, würden auf ihre „endogenen Faktoren und Dynamiken als auch in Bezug auf die zahlreichen Verbindungen und Verflechtungen mit anderen Weltregionen untersucht“, eine „besondere Rolle“ spiele dabei die europäische Kolonialzeit und deren Aufarbeitung.

Der Historiker Andreas Eckert sieht dagegen Schwierigkeiten, eine exakte Definition von Globalgeschichte zu bestimmen. So beschreibe die Globalgeschichte eher einen „Zugang, der Verknüpfungen und den Vergleich zwischen der Geschichte verschiedener Weltregionen betont.“[ii] Als Schwerpunkt haben sich demnach die postkolonialen Studien etabliert, die den zeitlichen Fokus auf die Zeit vor dem 20. Jahrhundert legen und sich um eine transnationale Forschung und das Aufbrechen der altgewohnten Strukturen bemühen. Großes Potential räumt Eckert der sich höchst verschieden ereignenden Geschichte der Dekolonisation und der Entwicklung der ehemaligen Kolonien im 20. Jahrhundert ein. Globalgeschichte kann aber nicht nur Kolonialismus: Sven Beckert, Geschichtsprofessor in Harvard, legte 2015 beispielsweise die „Globalgeschichte des Kapitalismus“ vor, Thomas Hippler, Professor an der Universität der Normandie in Caen, widmete sich 2017 der „Globalgeschichte des Luftkriegs“.

Ein Blick zurück auf die Eingangsthese: Ist Geschichte wirklich nur „irgendwas mit Hitler“? Aktuelle Debatten bekommen zwar nicht die Präsenz einer Goldhagen-Browning-Debatte oder eines Historikerstreits. Doch der Aufarbeitung der Kolonialzeit wird mittlerweile auch in der breiteren Öffentlichkeit ein recht prominenter Platz in „alten“ und „neuen“ Medien eingeräumt. Die Debatte um das geplante Humboldt-Forum in Berlin und die postkoloniale Erinnerungskultur zeugt etwa hiervon[iii] – und sogar in den Koalitionsvertrag der aktuellen „Großen Koalition“ hat es die deutsche Kolonialzeit in Afrika geschafft.[iv] Geschichte ist schließlich viel, viel mehr als nur irgendwas mit Hitler, Holocaust und Panzern. Sie muss nur die richtigen Zugänge finden und neue Perspektiven eröffnen.

 

Literaturangaben

[i] Conrad, Sebastian: Die Weltbilder der Historiker: Wege aus dem Eurozentrismus, in: Bundeszentrale für politische Bildung (02.10.2015), abgerufen unter: http://www.bpb.de/apuz/212825/die-weltbilder-der-historiker-wege-aus-dem-eurozentrismus?p=all#footnode1-1 (letzter Abruf: 25.06.2018), zitiert nach: Marks, Robert B.: Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Darmstadt 2006, S. 20 f.

[ii] Eckert, Andreas: Globalgeschichte und Zeitgeschichte, in: Bundeszentrale für politische Bildung (23.12.2011), abgerufen unter: http://www.bpb.de/apuz/59791/globalgeschichte-und-zeitgeschichte?p=all (letzter Abruf: 25.06.2018).

[iii] Vgl. Weber, Katja: Deutschland postkolonial – Streit um das Humboldt Forum, in: Deutschlandfunk Nova (19.05.2018), abgerufen unter: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/deutschland-postkolonial-streit-um-das-humboldt-forum (letzter Abruf: 25.06.2018).

[iv] Darin heißt es im genauen Wortlaut: „Wir wollen die kulturelle Zusammenarbeit mit Afrika verstärken und einen stärkeren Kulturaustausch befördern, insbesondere durch die Aufarbeitung des Kolonialismus sowie den Aufbau von Museen und Kultureinrichtungen in Afrika.“, in: Bundesregierung: Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, Berlin 2018, S. 152.