Der „Historikerstreit“: Ein Teil der „geistig-moralischen Wende“ Helmut Kohls?

Zu Beginn der 1980er Jahre befand sich die Bundesrepublik an einem Wendepunkt: Die sozialliberale Koalition, die das gesamte vorherige Jahrzehnt über regiert hatte, befand sich an ihrem Ende. Vom Linksliberalismus wechselte die politische Macht der Nation zurück in die Verantwortung der Christdemokraten und die Hände Helmut Kohls. Kohl hatte schon vor seiner Kanzlerzeit das Schlagwort der „geistig-moralischen Wende“ geprägt: Diese beinhaltete nicht mehr und nicht weniger als einen Wandel der deutschen Erinnerungspolitik. Die deutsche Geschichte habe mehr zu bieten als die Zeit des Nationalsozialismus; starke konservative Werte sollten den Deutschen ein neues Selbstvertrauen verleihen:

„Wir brauchen wieder die Tugenden der Klugheit, des Mutes und des Maßes für die Zukunft unseres Landes.“[i]

Mit Plänen für nationalhistorische Museen, umstrittenen öffentlichen Äußerungen und Auftritten im Rahmen des 40. Jahrestags der deutschen Kapitulation 1985 schien sich für linksliberale Historiker die Befürchtung zu bestätigen, dass auch in der Geschichtswissenschaft eine Zeit des Paradigmenwechsels angebrochen sein könnte. Spätestens mit Emil Noltes Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ (FAZ, 6. Juni 1986) entbrannte die Debatte, die als „Historikerstreit“ bekannt wurde. Nolte kritisierte darin das neue Geschichtsbewusstsein der Deutschen – 1979 hatte es den ersten Fernsehfilm zum Holocaust gegeben, 1985 sprach Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ -, das als massenmediale Erinnerungskultur die Arbeit von Historikern erschwere. Anlass zur Kontroverse boten zudem die Versuche Noltes, den Holocaust als Nachahmung der Russischen Revolution zu charakterisieren und einen Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus herzustellen.

Noltes Provokation führte zu massiver Kritik, in erster Linie durch Jürgen Habermas. Für Habermas stand es nicht zur Diskussion, dass NS-Verbrechen nicht mit anderen Massenverbrechen „aufgerechnet“ werden und erst recht nicht verdrängt werden dürfen. Nichts anderes als „Geschichtsrevisionismus“ sei die Relativierung des Nationalsozialismus, der Habermas neben Nolte auch Andreas Hillgruber, Michael Stürmer und Klaus Hildebrand bezichtigte. Am Ende einer intensiven Auseinandersetzung, die zunächst in den Leserbriefspalten von Zeit, FAZ, etc. und später öffentlichkeitswirksam und quotenträchtig ausgetragen wurde, schien Habermas recht zu bekommen: Nolte, der sich nicht von seinen Thesen abbringen ließ und diese sogar noch erweiterte, erhielt immer weniger Unterstützung durch andere Historiker und kaum mehr Raum, um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zumal die Thesen Noltes schon durch simple Forschungsarbeit widerlegt werden konnten.

Ein abschließendes Ergebnis des „Historikerstreits“ gibt es ebenso wenig wie die „geistig-moralische Wende“; auch der befürchtete Paradigmenwechsel der Geschichtswissenschaft in Richtung einer nationalbewussten, neokonservativen Strömung blieb aus. Doch mit dem öffentlich ausgetragenen „Historikerstreit“ bekam die Bundesrepublik die Chance, ihr Geschichtsbewusstsein nachhaltig zu verändern: Hans-Ulrich Wehler hielt 2008 fest, dass die selbstkritische Haltung der BRD gegenüber ihrer Geschichte durch diese Zeit sehr wohl gestärkt worden sei.[ii] Zu bemerken war dies schon 1988, als Teile der Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome stark an nationalsozialistisches Vokabular erinnerten und zu dessen Rücktritt führten.

In wieweit sich die Deutschen noch heute einer Verantwortung für den Nationalsozialismus stellen müssen ist jedoch bis heute Teil der öffentlichen Debatte, ob historisch, gesellschaftlich, oder politisch: Dass Alexander Gauland erst kürzlich von Hitler als „Vogelschiss“ in „tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sprach[iii], beweist, dass diese Debatte noch einiges an Potential besitzt – und dass es kaum eine vergleichbare Debatte gibt, die selbst seit langem schon Teil der Geschichte ist, aber dennoch weder an Aktualität noch an Relevanz verliert.

 

Literaturangaben

[i] Kohl, Helmut: Regierungserklärung von Bundeskanzler Kohl in der 121. Sitzung des Deutschen Bundestages, 13. Oktober 1982, abgerufen unter: http://www.helmut-kohl.de/index.php?menu_sel=17&menu_sel2=&menu_sel3=&menu_sel4=&msg=1934 (letzter Abruf: 04.06.2018).

[ii] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 5: Bundesrepublik und DDR, München 2008, S. 287.

[iii] Ohne Autor: Gauland provoziert mit Aussage zu NS-Zeit, tagesschau.de (03.06.2018), abgerufen unter: https://www.tagesschau.de/inland/gauland-ausspruch-vogelschiss-101.html (letzter Abruf: 04.06.2018).